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Therapie, oder wie ich es nenne – Fortbildung

Ich poliere mein CV als mir auffällt, dass ein wichtiges Ereignis in dieser Liste fehlt – die Fortbildung, die ich während meiner Therapie bei der Sozialberatung der Justiz erfahren habe.

Wie es dazu kam

Ich war die Hälfte meines Lebens verheiratet, als mir, stark verkürzt beschrieben, meine damalige Ehefrau mitteilte, dass sie ausziehen und die Beziehung beenden wird.

Das stürzte mich in ein emotionales Chaos, wie ich es zuvor noch nie erlebt hatte. Mein Sohn entschied sich, bei seiner Mutter zu bleiben – dieser Verlust war bei weitem der schmerzhafteste.

Hinzu kam, dass ich umzog und die Arbeitsstelle wechselte. Es blieb kein Stein auf dem anderen – alles Vertraute war weg.

Ich stand, aus meiner damaligen Sicht, vor dem Nichts – auf dem Boden einer tiefen Grube, aus der ich mich ohne fremde Hilfe nicht befreien konnte.

Therapie – der lebensverändernde Rat

Ohne es zu wissen, bekam ich von einer damaligen Vorgesetzten der ich mich anvertraute einen lebensverändernden Rat – wende dich an die Sozialberatung der Berliner Justiz.

Kollegen der Einrichtung waren durch Zufall gerade im Haus. Bevor ich an die Tür klopfte, ging ich mindestens drei Mal an ihr vorbei. Es fiel mir alles andere als leicht, (mir) einzugestehen, dass ich Hilfe brauchte.

Nach diesem ersten, sehr emotionalen Kontakt erhielt ich einen Termin, dem viele weitere und eine dreiwöchige Gruppentherapie folgten. Ich machte wertvolle Erfahrungen, die mein heutiges ich formten.

Der unbedingte Wille zu verstehen

Von Anfang an wollte ich verstehen, was mir widerfahren ist, wie groß mein Anteil daran war und welche Werkzeuge es gab, mit denen ich dafür sorgen konnte, dass sich diese Erfahrung nie wiederholt.

Nicht alles, was ich in dieser Zeit über mich oder andere lernte, hat mir gefallen. Verändert hat es mich auf jeden Fall. Ich habe mich meiner Vergangenheit, der Situation und mir selbst gestellt – an mir gearbeitet.

Durch die gewonnenen Erkenntnisse – auch die, Hilfe zu brauchen und die Entscheidung, sie anzunehmen, sowie die Kraft und Ausdauer die es brauchte, mein Vorhaben zu beenden, habe ich mich entwickelt – zu meinem Vorteil.

Für ein neues, vielleicht sogar besseres Leben

Ich habe viel gelernt, gehe mit offeneren Augen durchs Leben, nehme mir Zeit für kleine Dinge, wage mehr und bewerte anders.

Für die Fortbildung, die ich erfahren durfte und die Folgen, die sie mit sich brachte, bin ich dankbar.

Ich lebe ein Leben, welches ich ohne all die gemachten Erfahrungen nie hätte leben können – diese Erkenntnis erschreckt mich manchmal.

Die Angst vor dem Ungewohntem ist Neugier gewichen. Nicht alles ist gut, mein Sohn fehlt mir sehr, aber fast alles Andere besser.

Wenn es euch betrifft

Klarstellung – die Sozialberatung therapiert nicht, sie berät – nichtsdestotrotz fühlte es sich für mich immer wie Therapie an, weshalb ich es stets so nannte und noch heute so nenne.

Ich habe gelernt, dass eine nach Major Fuckup aussehende Katastrophe sich im Nachhinein als Installation des Upgrades fürs Leben herausstellen kann.

Zum Schluss aber nicht zuletzt danke ich ganz besonders Frau P. P., die mich damals aufgefangen hat und mitverantwortlich dafür ist, wer ich heute bin und das mir so gut geht. Danke – vielen, vielen Dank!

Kontakte die euch in Krisensituationen helfen können

Von Sven

Hallo, ich bin Sven - in Berlin geborener Wahl-Leipziger, Vater und Nerd. Ich mag das Internet und die Möglichkeiten, die es bietet, Blogs, Podcasts und freue mich auf eure Rückmeldungen. Du findest mich auch auf Mastodon und Twitter.

4 Antworten auf „Therapie, oder wie ich es nenne – Fortbildung“

Auf der Suche nach weiteren „Infos“ bzgl. der Sozialberatung bin ich gerade auf Ihren Beitrag gestoßen. Toll geschrieben…..ich bin mittlerweile selbst an einem Punkt, an dem ich das Gefühl habe, dass ich ein solches Gespräch nötig habe. Aber noch fehlt mir dafür der Mut.
Ich hoffe, ich bekomme die Kurve.

Hallo Mel, vielen Dank für deinen Kommentar. Mit dem du schon einen wichtigen Schritt getan hast – du teilst dich mit.

Ich verstehe, dass du Schwierigkeiten damit hast, Hilfe zu suchen. Mir ging es genauso. Ich bin mehrmals an der Tür vorbeigegangen, bevor ich sie geöffnet und das Gespräch gesucht habe.

Du musst für dich entscheiden, was das Richtige ist. Ich bereue meine damalige Entscheidung nicht, ganz im Gegenteil.

Du schaffst das – ich habe eines gelernt, es geht immer weiter. Nicht immer so wie man es sich selbst vorgestellt hat, aber das kann auch von Vorteil sein.

Ich wünsche dir alles Gute.

Hi Sven, danke für deine Worte. Ich habe es jetzt von Tag zu Tag immer wieder verschoben…..und heute den Schritt gewagt. Endlich habe ich mich überwunden und mir einen Termin bei der SB geholt. Der 1. Schritt ist also getan….

Für dich auch alles Gute!
LG Mel

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