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Persönlich

Zu viel

Ich sitze im Bus, als ein junges Pärchen zusteigt. Die junge Frau, fast noch ein Mädchen, setzt sich auf einen freien Fensterplatz, ihr Freund, etwa im gleichen Alter, setzt sich neben sie. Da ich entgegen der Fahrtrichtung sitze, befinden sich die Beiden in meinem direkten Blickfeld.

Es fällt mir auf, dass Sie kerzengerade, fast steif auf ihrem Platz sitzt, die Arme eng angelegt, während er ständig ihre Nähe sucht. Der junge Mann schmiegt sich mit geschlossenen Augen an seine Angebetete, legt seinen Kopf auf ihre Schulter und küsst sie ständig auf ihren Hals oder ihre Wange, wobei er den Arm um sie legt.

Sie ist davon scheinbar unbeeindruckt, verzieht keine Miene und blickt durch die Seitenscheibe ins Nichts. Ich bin irritiert. Die Szene wirkt auf mich verstörend – merkt er nicht, dass Sie eher gleichgültig, fast abweisend ist? Will er es nicht merken?

Ist Sie wütend? Ich versuche, in Ihrem Gesicht zu lesen, was mir nicht gelingt – ich kann nicht erkennen, ob sie Streit hatten. Aber auch in diesem Fall oder gerade dann empfände ich das Verhalten des Jungen als ungewöhnlich.

Wieso eigentlich – wäre meine Wahrnehmung im umgekehrten Fall die gleiche? Ich horche in mich hinein, überlege und bin mir letztendlich nicht sicher, ob es mich weniger verwundern würde. Während ich nachdenke, kann ich nicht anders, als die Beiden weiterhin anzusehen.

Einerseits bewundere ich den jungen Geschlechtsgenossen, der vor lauter Hingabe seine Umwelt völlig ausgeblendet zu haben scheint, andererseits empfinde ich Mitleid mit ihm, weil ich befürchte, dass Sie ihm früher oder später das Herz brechen wird.

Herzschmerz, ein mir gut bekanntes Gefühl. Vielleicht ist Es Ihm ja noch unbekannt. Vielleicht liebt Er deshalb so bedingungslos, ohne Netz und doppelten Boden. Ich erinnere mich an die Zeit, in der auch mein Herz noch kein Burggraben umgab.

Das ist jetzt anders, denke ich und sehe nun selbst durch die Seitenscheibe ins Leere. Jetzt brauche ich Zeit, bis ich jemanden an mich heranlasse und selbst dann ist es mir nur bei wenigen, besonderen Menschen möglich, mich ihnen ganz und gar zu öffnen. Schade.

Ich muss aussteigen. Nachdenklich stehe ich auf. Zu viel, denke ich – einer von uns beiden macht zu viel. Entweder mache ich mir zu viele Gedanken, bin zu vorsichtig, habe Angst oder er liebt zu viel. Für uns beide, ihn und mich hoffe ich, dass ich es bin, der sich zu viele Gedanken macht.

Von Sven

Hallo, ich bin Sven - in Berlin geborener Wahl-Leipziger, Vater und Nerd. Ich mag das Internet und die Möglichkeiten, die es bietet, Blogs, Podcasts und freue mich auf eure Rückmeldungen. Du findest mich auch auf Mastodon und Twitter.

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